Prokrastination

Hausaufgaben für Literaturwissenschaften erledigen, mhm, ähm, mal bei OLAT die Texte runterladen, währenddessen kurz bei Facebook reinschauen, oh Mist, da hat mir ja jemand eine interessante Mail geschrieben, da sollt ich wohl zurückschreiben, aber halt, ich wollte LitWiss machen, also aufstehen, Drucker anschalten, auf dem Weg zum Drucker Blick zur Küche, ein Tee wär’s jetzt, also Wasser aufsetzen und das Tee-Ei suchen, abwaschen, füllen, in die Tasse geben, hm ich muss auf’s Klo, da liegt die “Wienerin” die mir Markus aus Österreich mitgebracht hat, Wiener Ballsaison, mal sehen was man alles verpasst wenn man in der Schweiz festsitzt, Moment, da kocht doch das Wasser, okay, Spülen, Hände waschen, Gang zur Küche, Tee aufgiessen, aber den Artikel muss ich trotzdem noch schnell fertig lesen, okay der Tee hat jetzt wohl genug lange gezogen, Zucker rein, zurück zum Notebook, mein Gott da kommt man ja kaum durch, schnell ein bisschen aufräumen wär angebracht, Kleider in die Wäsche bringen, da wollt ich doch noch kurz ausprobieren wie diese Hose mit den neuen Schuhen wirkt, doch, doch, nett, aber was noch dazu, Kleider aus dem Schrank, anprobieren, nochmal aufräumen, jetzt ist der Weg zum Notebook frei, hat XY schon auf meinen Pinnwandeintrag geantwortet? nein, aber eine neue Veranstaltungseinladung, hört sich gut an, kann ich? Agenda suchen, mal reinschreiben, das sollte man nicht verpassen, aber jetzt mal zurück zu LitWiss, nein die Texte liegen ja noch im Drucker, der hat Papierstau, also Papier raus, Papier rein, fertig drucken, Texte tackern, zurück zum Notebook, jetzt hat er geantwortet, aber auf russisch, was soll das denn!? na gut, Tastatur umstellen und tausend Jahre nach jedem kyrillischen Buchstaben suchen, drei Jahre später sind die zwei Sätze auch mal geschrieben, so jetzt LitWiss, nein zuerst schnell Mails checken, oh, neue Jobangebote, hört sich ja toll an, aber jetzt hab ich keine Zeit mich schnell mal zu bewerben, dh es wird gleich wieder vergessen, gut, LitWiss, 2 Seiten später bin ich zu müde, ab ins Bett.

Lebensweisheit des Tages: Prokrastination ist nicht böse. Sie kann sich nur unangenehm anfühlen, wenn man sich ihrerwegen ein schlechtes Gewissen macht. Wenn man im Bett liegt und denkt, ich bin ein Loser, wieso hab ichs nicht gemacht, neein ich muss und sollte. Und wenn man mit völlig sinnlosen Dingen prokrastiniert. Man muss ehrlich sein mit sich selbst, denn meist weiss man schon in der Sekunde, in der man sich etwas vornimmt, ob man es nun auch wirklich tun wird oder nicht. Sobald man merkt, dass das Erledigen der unerfreulichen Aufgabe nicht so recht von der Hand gehen will und man sich partout nicht darauf konzentrieren kann, sollte man sie weglegen (und etwas wirklich angenehmen tun oder es mit einer anderen, unerfreulichen Aufgabe versuchen, vielleicht wird die ja gerade jetzt klappen), statt seine Zeit mit dummen Alibi-Arbeiten oder Facebook und scheinbaren “ich will nur noch schnell”s zu vergeuden.
Wenn man’s schlussendlich gar nicht macht ist es meistens halb so wild wie man gedacht hat. Wenn man’s wirklich machen muss, wird man es spätestens im aller, allerletzten Moment tun. Das hat den Vorteil, dass man garantiert nicht mehr Zeit darauf verschwendet hat als unbedingt nötig, und man hat die gebündelte Energie des ultimativen Deadline-Stress-Adrenalin-Kicks, der noch das kleinste bisschen Intelligenz und Konstruktivität aus dem Menschen hervorkitzelt.
In diesem Sinne: LONG LIVE PROCRASTINATION!

Quelle: Kathrin Passing, Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin.


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